„Wie oft haben Sie Sex?“
Im Thema: Kultur
von: Inaktives Mitglied
erstellt am: 06.04.2009

von: Inaktives Mitglied
erstellt am: 06.04.2009

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Die Aussicht, dass mir jemand ein Mikrofon unter die Nase hält, um nach meiner sexuellen QUANTITÄT zu fragen, ist deutlich höher, als die öffentliche Frage nach der QUALITÄT meiner sexuellen Aktivitäten!
Als Resultat solcher Umfragen wissen wir, dass man als durchschnittlicher Deutscher so etwa zwei bis zweieinhalb Mal wöchentlich Sex zu praktizieren hat. Mit knapp 120 Mal pro Jahr hat sich unsere Nation übrigens weltweit in das Spitzenfeld geprahlt.„Aha“, dachte ich angesichts der Zahlen, „wieder nur ein quantitatives Maß!“. Dabei heißt es doch immer: Entscheidend ist die Qualität!
Das schwant auch den Demoskopen, und so schrecken einige davon offenbar auch vor qualitativen Schlussfolgerungen nicht zurück. Allerdings bewegen sie sich im vertauten Spielreglement und ermitteln Qualität beispielsweise in einer Studie, beauftragt durch den Kondomhersteller „Durex“, wie folgt:
„Die Nigerianer .. nehmen sich ganze 24 Minuten für einander Zeit ... Die Inder ... dagegen ... 13 Minuten ... die Deutschen ... knapp 18 Minuten.“
So, so! Qualität wird also in Minuten gemessen, und fünf bis sechs davon entscheiden über das Maß der Qualität ...
... aber ...
„Nur 38 Prozent der befragten Deutschen gaben an, mit ihrem Sexleben zufrieden zu sein.“ Na, immerhin! Handelt es sich hier vorwiegend um Männer oder um Frauen? Ich fürchte, es sind nicht die Stimmen von Paaren gezählt worden! Was heißt eigentlich „zufrieden“? Mich will das Gefühl nicht verlassen, dass wir uns allgemein schwer damit tun, aus der qualitativen Perspektive auf uns zu schauen.
Es geht hier nicht um Sex. Ich sage das allen, die jetzt nur weiterlesen würden, wenn ich mehr Erkenntnisse aus diesem -- unbestritten höchst genussvollen -- Thema zitieren würde.
Also: Ab hier geht es nicht mehr um Sex ...
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... sondern um das fragwürdige Maß, das inzwischen fast alle Lebensbereiche erobert hat: das Quantitätsmaß.
Ich neige dazu, unsere derzeitige Ära weder als Kommunikations- noch als Informationszeitalter zu bezeichnen. Angesichts der prägenden Größen bleibt nur eine Bezeichnung: Quantitätszeitalter!
Möglicherweise liegt darin -- also in der konsequenten Hinwendung zu quantitativen Größen -- sogar die Wurzel für die derzeitige weltweite Wirtschaftskrise.
Ist euch eigentlich aufgefallen, dass letztere immer mehr behandelt wird wie eine Naturkatastrophe, ganz so, als stünde dahinter irgendeine unbeherrschbare Macht und nicht Menschen, deren Streben vorwiegend, wenn nicht sogar ausschließlich, quantitativ geprägt ist/war.
Erinnern wir uns doch mal an „die Zeit davor“:
Wieviele Überstunden wurden in Deutschland geleistet? Rechtfertigt die ermittelte Zahl (es waren übrigens rund 1,4 Milliarden jährlich) eigentlich den qualitativen Output, oder war das Mehr an Zeiteinsatz nur deshalb notwendig, weil immer mehr Menschen in ihren Berufen das tun (müssen), was sie NICHT am Besten können? Sollen hier möglicherweise Qualifikationsmängel und (z.T. staatlich angeordnete, z.T. bestimmten Protektionsstrategien folgende) Fehlbesetzungen durch Quantität kompensiert werden?
Nett ist in diesem Zusammenhang auch der vor etwa zwei Jahren erfundene Begriff „Minderleister“. Damit waren alle gemeint, die ihren Berufen wöchentlich jeweils 40 und weniger Stunden lang nachgehen. Es handelt sich bei dem fragwürdigen Unwort natürlich nicht um ein öffentlich etabliertes Vokabular, quasi vom Duden abgesegnet.
Vielmehr neigten jene Personen, die in elitären Bildungsanstalten einsitzen oder Personen des (ab)gehobenen Managements in der Wirtschaft noch vor einem Jahr dazu, den Rest der Bevölkerung verächtlich als „Minderleister“ zu bezeichnen. Das Recht auf diese Verbalverirrung erwirbt man offenbar mit der Behauptung, man selbst würde wöchentlich so zwischen 80 und 100 Stunden arbeiten.
Schaut man sich den Alltag dieser Spezies an, so muss man ernüchtert feststellen, dass sie -- wie auch jeder andere sich natürlich verhaltende, geistig und körperlich gesunde Mensch -- mitnichten imstande sind, das genannte quantitative Arbeitsmaß in höchster Konzentration, bei höchster Qualität, optimalem quantitativen Output und über x Jahre Berufsleben zu leisten.
Vielmehr handelt es sich bei den geprahlten 80 bis 100 wöchentlichen Stunden um einen Zeitraum, der nur zur einen Hälfte oder oft auch weniger aus der oben definierten Form der Arbeit besteht, in dessen zweiter Hälfte die betreffenden Angehörigen jener Klasse im Interesse ihrer eigenen Karriere aber vor allem eines tun, nämlich: nicht schlafen.
Und während dieser halbwachen Phase denken sie möglicherweise hin und wieder -- so zwischen Kaviar und Dessert -- an ihren Auftrag! Das genügt. Diese unterhaltsamen Stunden füllen das Arbeitszeitkonto locker bis an die Naht. Schade, dass nicht auch die Tiefschlafphasen angerechnet werden können; schließlich dienen sie ja in gewisser Weise der Arbeitsvorbereitung.
Unbestritten: Es gibt Bereiche, besonders in Managementpositionen aber auch bei unzähligen selbstständigen Kleinunternehmern, in denen immer wieder zwangsläufig (deutlich) ein Zeitaufwand von mehr als 40 Wochenstunden notwendig ist. Die talentierten Manager, die Hand- und Geistwerker die ihre Begabung im Beruf ausleben können, verlieren in der Regel nicht viele Worte darüber. Sie handeln und schauen erst im Ziel auf die Uhr, um festzustellen: „... ´s ist heute aber mal wieder spät geworden“.
Als höchst fragwürdig bewerte ich die Motivation jener, die nicht müde werden, sich ihrer Arbeitszeiten zu rühmen, um im selben Atemzug diejenigen herabzuwürdigen, die beruflich nicht so nah an der Selbstverwirklichung und nicht so gut honoriert arbeiten.
Jene Zyniker waren und sind die Träger und Trigger des „Quantitätszeitalters“.
Wie sprach unlängst ein Geschäftsfreund, selbst Manager und Inhaber eines außergewöhnlich erfolgreichen mittelständischen Unternehmens, über eine bestimmte Schloss-Studenten-Klasse?: „Es ist schon traurig genug, dass diese zwischenmenschlich verarmten und materiell verwöhnten Rotznasen gegenüber dem normal sozialisierten Nachwuchs das Doppelte bis Dreifache an Zeit benötigen, um die notwendigen Kenntnisse für das Berufsleben zu erwerben. Mir kommt das Grausen bei der Gewissheit, dass diese vorwiegend durch Erbfolge und inzestuöse Protektionsstrukturen in den höchstbezahlten und einflussreichsten gesellschaftlichen Positionen landen werden.“
Die Politik -- längst vom Schraubstock unseliger Abhängigkeiten gewürgt -- nimmt es wie eine Naturkatastrophe: „Wir können uns dem nicht widersetzen, also müssen wir mitmachen.“
Die Globalisierung, inzwischen komplett von der Wirtschaft vereinnahmt und derzeitiger Haupteinflussfaktor gesellschaftlicher Entwicklungen sowie politischer „Spiel“räume, folgt fast ausschließlich quantitativen Zielen.
Das Problem Arbeitslosigkeit begegnet uns vor allem in Form mengenbeschreibender Werte (Prozente, gerundete Personenzahlen, Kosten für die Allgemeinheit) und nicht in Form eines bewertenden Spiegels gesellschaftlicher (sozialer, wirtschaftlicher, politischer) Qualität.
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise: Klar: vorwiegend quatitativ. Zahlen, Kurven und ... hoppla ... und die Höhen der Boni, die den Tätern, den Auslösern der „Naturkatastrophe“ juristisch zustehen.
Ackermann befürchtet soziale Unruhen, liest man heute. Man möchte ihm glauben, wenn er durchklingen lässt, Bonihöhen seinen asozial. Vorsicht! In diesem Zusammenhang verrät er, wie wenig er aus der derzeitigen Situation gelernt hat.
Einmal darauf aufmerksam geworden, zeigt sich mir in allen Lebensbereichen, an allen Ecken und Kanten, dass quantitative Aspekte objektiv die qualitativen mehr und mehr nicht nur verdrängen, sondern vernichten oder ersetzen.
Noch ein Nachschlag zum vorläufigen Ergebnis, der Krise:
Es ist zwar vernünftig, nachdem das Kind im Brunnen liegt, zuerst dafür zu sorgen dass es nicht ersäuft. Da es sich ja um eine Krise mit markanten quantitativen Auswirkungen handelt, ist sicher auch die „Erste Hilfe“ im Rahmen quantitativer Maßnahmen einzuleiten.
Und wenn der Laden wieder einigermaßen läuft, die Symptome der „Naturkatastrophe“ überschminkt sind, erlischt auch der Spot auf die Faktoren, die in die Krise geführt haben ...
... und es ist zu befürchten, dass die Chance auf eine wirtschaftskulturelle und moralische Neuorientierung einmal mehr in der „Mengenlehre“ ersaufen wird.
Herr Ackermann hat´s ja heute durchblicken lassen.
KommentareInaktives Mitglied06.04.2009 18:24
Raffiniert eingeleitet,
Sex als Eye-catcher eine recht schlaue Variante, um zur Sache zu kommen.
Aber endlich mal eine Artikel mit Substanz, klaren Argumenten und logischen Rückschlüssen - exzellent recherchiert und mit der Kunst des Fabulierens dargebracht.
Teilweise sind die Gedanken mit sarkastischen Analogien beträufelt, wenn, ja wenn die Tatsachen nicht so tragisch real wären, könnte ich dem Ganzen fast noch ein Lächeln abgewinnen.
Insgesamt stimme ich mit den Inhalten Deines Artikels überein und greife daher Deinen roten Faden auf - Qualität in Wort und Gedanke bis zum Schluss.
Herzlichen Dank für diesen Lese G Nuss.
Carl
Im Quantitaetswahn auch die Fernsehanstalten, nur die Quote zaehlt, egal welcher Schwachsinn verbraten wird. Trotzdem, ich bleibe dabei, auch wenn eine Million Fliegen sich auf einen Haufen setzt, so bleibt es immer noch S...
Irgendwo beisst die Katze sich selbst in den Schwanz...
G. Nuss - wirklich ein einmalig guter Artikel!! :)
... und erlaube mir dennoch, die Dinge differenziert zu handhaben.
Wenn es die individuelle Vorliebe eines Diebes ist, seinen Quantitätsbedarf dadurch zu decken, dass er sich, seinem Talent folgend, auf aggressive Weise am Besitz anderer vergreift, fällt es mir schwer, eine Bewertung dessen grundsätzlich als „Geschmacksfrage“ abzutun.
Die Toleranz hört da auf, wo das Ausleben individueller Vorlieben auf die Nötigung oder Schädigung Dritter hinausläuft.
Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag








