Am liebsten wäre ich ihr ausgewichen
Eine Freundin von mir ist Krankenschwester. Bei ihrem letzten Besuch bei uns erzählte sie aus ihrem Beruf. Ich darf es hier weitergeben:
"Um die Weihnachtszeit hatten wir eine Patientin, eine ältere Frau. Jedesmal wenn ich sie sah, hatte ich die Versuchung, ihr auszuweichen. Aber ich spürte immer wieder, dass das nicht richtig war. Gerade um diese Frau sollte ich mich besonders kümmern, weil sie von allen gemieden wurde. Oft kam sie in unser Schwesternzimmer und sagt im Kommandoton: "Schwester, geben Sie mir das... oder: Machen Sie mir dies!" Ich versuchte, ruhig zu bleiben und trotzdem für sie dazusein. Einmal brachte sie mir eine schwarze Wolljacke mit einem großen Riß: "Schwester, flicken Sie mir das!"Schon wollte ich das abwehren und sagen, das könne ich nicht, weil ich kranke Augen habe. Aber gleichzeitig hörte ich meine innere Stimme sagen: "Probier es doch!" Und es gelang.
Am nächsten Tag kam sie mit einem Brief, den sie entworfen hatte und den ich in sauberer Schrift schreiben sollte. Ich las ihn. Er war voller Vorwürfe, ohne Liebe. "Darf ich diesen Brief etwas abändern, damit er dem Empfänger Freude bringt?", fragte ich sie.
Zu meinem Erstauenn war sie einverstanden, und sie hat sich sogar darüber gefreut. Am Abend konnte ich gut mit ihr sprechen.
Nach und nach spürte ich, dass ihre Art mich nicht mehr aufregte und dass wir uns immer näher kamen. Vor ihrer Entlassung kam sie ganz froh auf mich zu und sagte: "Schwester, Sie haben immer Zeit für mich gehabt. Das werde ich nicht vergessen." J.B.




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