Das erste gemeinsame Seminar
Im Thema: Gesundheit
von: Werner W.
erstellt am: 30.06.2009

von: Werner W.
erstellt am: 30.06.2009

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Die Firma Bumsfaldera hatte uns eingeladen und wollte, zahlreichen Heilpraktikern, ihre Medikamentenpalette vorstellen.
Es war traumhaft schönes Wetter und die weite Fahrt nach Baden Baden verlief zügig. Meine damalige Frau und ich waren neugierig darauf, neue Dinge zu erlernen. Ich freute mich schon auf das Buffet und hatte extra deswegen, drei Tage gefastet. Ab und an wurde mir aufgrund des niedrigen Blutzuckerspiegels etwas schwindlig, aber ich wollte genügend Speicherkapazität für lukullische Genüsse, schaffen.In Baden Baden angekommen, gelangten wir schließlich zum Steigenberger Europäischer Hof. Dieser noble Schuppen war der Austragungsort des Seminars. Wir gingen an einem, freundlich schauenden Portier vorbei der wie ein Weihnachtsbaum auf zwei Beinen aussah. Anschließend folgten wir den ausgeschilderten Hinweisen und gelangten zügig in einen schönen Saal. Auf den Tischen standen Getränke in Form von Wasser und Apfelsaft und wir konnten uns, beliebig, mit Kaffee oder Tee versorgen.
Um uns herum wuselten bereits zahlreiche Kollegen und Kolleginnen herum. Ich sah blasse, hagere Müslifreaks mit Jesuslatschen und selbst gestrickten Pullovern. Sie redeten über Edelsteintherapie sowie Wünschelruten und harmonierten optimal, mit den overdressten Typen, welche sich wahnsinnig wichtig vorkamen. Die Zweitgenannten wandelten durch die Halle wie Auerhähne während der Balz. Mit anderen Worten, es bot sich reichlich Futter um sich… die Gedanken sind frei… zu amüsieren.
Nach einiger Zeit des Wartens erschienen schließlich Dr. Schiwago und sein Advocatus diabolus.
Dr. Schiwago war ein charismatischer, älterer Herr, mit den ausdrucksvollen Zügen eines in die Jahre gekommenen Bassets. Er betrachtete die Welt, aus zwei nebeneinander platzierten, Kristallaschenbechern. Seine Glatze schien frisch gewachst worden zu sein. Jedenfalls glänzte sie wunderschön und ließ seine Waigel-Augenbrauen gut zur Geltung kommen.
Sein Gehilfe war eine Person, welche derart eindrucksvoll erschien, dass man ihn, während jedes Wimpernschlags, vergaß. Würde er nicht ein wenig geschielt haben, wäre absolut nichts an ihm aufgefallen.
Als Dr. Schiwago sich vernehmlich räusperte, nahmen die Seminarteilnehmer an, dass er vielleicht etwas zum Besten geben wollte. Deshalb trat schnell angenehme Stille ein. Das Doktorchen erhob seine rostige Stimme und hielt uns, 45 min. lang, im Namen seiner Fa. willkommen. Da dies keine ungewöhnliche Eröffnung war, warteten wir, ungeduldig, auf die Wunder der Medizin, welche uns offenbart werden sollten.
Alsbald geriet Mister Kristallaschenbecher in Rage. Er wedelte mit seinen Armen herum, wie Karajan mit dem Taktstock und berichtete von Zaubermittelchen, welche Lahme gehend, Blinde sehend und auch schon einmal einen Toten lebendig gemacht hatten. Mit großen, glänzenden Augen betrachteten die beeindruckten Menschen seine Ausführungen. Schließlich war Mr. Basset so aufgeregt, dass er nicht mehr bemerkte, dass er beim Schreiben, die Tafel gar nicht berührte. Er wies seitlich von der Tafel stehend, auf Worte hin, welche er gar nicht geschrieben hatte. Ich empfand das als sehr interessant, denn so bot sich ein breiter Spielraum für individuelle Interpretationen.
Rasch blätterte ich im Kompendium der Fa. Bumsfaldera. Ich wollte nachschauen, welche dieser einmaligen Mittel, dem armen Mann, am besten helfen könnten. Aber offensichtlich hatten sie kein Medikament für solche Fälle, in ihrem Angebot. Schräg neben uns, saß ein schätzungsweise 177,5 Kg schwerer Mann, der sich immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht wischte. In seinen Achselhöhlen wiesen bläuliche, große Flecken darauf hin, dass er unbedingt, das Mittel Antischwitz nehmen müsste. Eine andere Teilnehmerin mit ähnlichen Dimensionen schwitzte kein bisschen und machte einen gepflegten Eindruck. Ich kannte sie bereits von früheren Seminaren und empfand sie als eine sehr angenehme Person. Sie hatte ihre Kleidung ihren Dimensionen angepasst und besaß ein durchaus hübsches Gesicht.
Jedenfalls krähte der Herr mit dem Feuchtbiotop unter den Armen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in den Raum, dass man zuerst entgiften müsse. Meine Frau, deren Näschen recht empfindlich war, saß zu ihrem Pech, näher an diesem Herrn, als ich. Somit kam sie in den Genuss, ihr Riechzentrum zu verfluchen. Der Entgifter stank wie ein Iltis und nervte mein Frauchen ohne Ende. Als er wieder einmal “Entgiften… Entgiften“ rief, empfahl sie ihm, „Fangen sie doch, bei sich selbst an“. Strafende Blicke durcheilten den Saal. Meine Frau wurde etwas kleiner und ich erwiderte den bösen Blick, des wandelnden Geysirs, indem ich ihm, freundlich lächelnd, zunickte.
Als Dr. Schiwago erste Ermüdungserscheinungen zeigte, übernahm sein Stellvertreter den Vortrag. Er erzählte davon, dass er sich eines Tages, mit seinem PKW, auf der Autobahn befand. Dies war mir auch schon einmal passiert. Deshalb wartete ich angespannt darauf, was er kaugummiartig von sich gab. Jedenfalls ergab es sich, dass er einen Wagen auf dem Standstreifen stehen sah. Daneben lag ein Mann, der Schaum vor dem Mund hatte und sich nicht rührte. Der Redner diagnostizierte sofort, dass es sich um ein Herzproblem handeln müsse. Natürlich hatte er sofort seine Reiseapotheke gezückt, und dem Mann, die Mittel, Herzilein, Pupsolino sowie Weckdichauf, in den total verspannten Mund geträufelt.
Schwupps… nach wenigen Augenblicken zeigte sich die erstaunliche, medikamentöse Wirkung. Der abnippelnde Patient erlebte das Wunder einer erfolgreichen Reanimation. Dies offenbarte sich, indem er nicht nur erwachte, sondern dem Sensenmann eine lange Nase zeigte, und mit seinem Vehikel davonpreschte.
Beeindruckte Gesichter wandten sich in der atemlosen Stille dem Vortragenden zu. Plötzlich hörte ich eine Stimme: „Ähemm… das, was sie da geschildert haben, ist bei einem epileptischen Anfall… denn um einen Solchen handelte es sich offensichtlich, ganz normal. Sie hätten ihm auch Eierlikör geben können. Das hätte genau so viel bewirkt“.
Zu meiner Verblüffung erkannte ich, dass es meine Stimme war, die dieses Sakrileg formulierte.
Ein eisiger Sturm durchwehte den Saal. Der Unsichtbare brüllte, lustige Tröpfchen versprühend: „Sind sie etwa Arzt“.
Ich erwiderte: „Ich muss nicht unbedingt Arzt sein, um solche banalen Diagnosen stellen zu können… Aber meine Frau… jene schnucklige Dame zu meiner linken, ist Ärztin, wenn sie ein Problem haben, stellt sie ihnen gern ein Rezept aus“.
Er betrachtete mich, wie eine Muräne mit Silberblick. Offensichtlich war er sehr positiv gestimmt. Schließlich hatte er nicht erwartet, etwas lernen zu können.
Dass ich nicht 100%ig richtig lag, erkannte ich bald. Wutschnaubend giftete er, wenn sie hier stören wollen, sind sie nicht erwünscht.
Wenn ich ihre Vorträge überdenke, komme ich zu dem Ergebnis, dass der Aufenthalt in diesem elitären Kreis, Menschen vorbehalten ist, welche medizinisch ungebildet sind. Sie hätten vielleicht, die Mainzer Funkenmariechen nebst Kapelle einladen sollen.
Nun durfte ich erfahren, dass das eingenickte Doktorchen, die irritierende Spannung verspürte. Dass einlullenden Geschwafel von Mister Muräne erzeugte, normalerweise, keine so angespannte Atmosphäre.
Erstaunlich agil sprang er auf seine dürren Beinchen und brüllte mit Stentorstimme: „Was erdreisten sie sich. Sie werden erleben, dass es keinen Sinn hat, sich mit mir zu duellieren.
Ich werde gerichtlich gegen sie vorgehen“. Daraufhin erwiderte ich, da sie nun das Duell eröffnet haben, habe ich die Wahl der Waffen. Ich wähle Räucherstäbchen. Er schien keine Räucherstäbchen zu mögen. Jedenfalls wurde er etwas blass um die Nase und schwächelte. Da ich etwas besorgt war, empfahl ich seinem Gehilfen, flugs seinen Medikamentenkoffer zu zücken.
Plötzlich verspürte ich ein leichtes Zupfen an meinem linken Arm. Meine Frau flüsterte mir zu: “Lass uns bitte gehen“. Ich antwortete ihr: „Ich beginne mich zwar gerade erst wohlzufühlen, aber Dein Wunsch, ist mir Befehl. So endete unser erster gemeinsamer Seminarbesuch.
Geschrieben von Werner W.




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