Ich hockte ausgepumpt vor der Mattscheibe...
Im Thema: Foto & Video
von: Rolf Pfahlmann
erstellt am: 27.08.2010
von: Rolf Pfahlmann
erstellt am: 27.08.2010
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In unserem Kreis erzählte ein Fernseh-Elektriker eine Erfahrung, die uns anderen nicht fremd war. Wir fühlten uns etwas ertappt und grinsten alle ein wenig. Aber lest selbst:
"Als Radio- und Fernsehelektriker leite ich zur Zeit eine Verkaufs- und Reparatur-Filiale und bin auch für den Vertrieb von TV- und Video-Geräten zuständig. Ich arbeite dort gegenwärtig ganz allein. Von morgens neuen Uhr bis abends um halb sieben habe ich vor mir, hinter mir, rechts und links Mattscheiben, die alle eingeschaltet sein müssen für den Dauertest nach der Reparatur oder zur Prüfung, wenn es neue Geräte sind.So ist meine erste Arbeit nach Ladenöffnung, den Sicherungsstutzen einzuschalten, und alle diese Geräte in Betrieb zu nehmen, und schon habe ich über ein Dutzend verschiedene Programmangebote laufen...
An einem Dienstagmorgen, als es wenig Kundschaft und Arbeit gab, habe ich aufmerksamer als sonst verfolgt, was da alles so gezeigt wird. Zu meinem Erstaunen kamen da - schon früh morgens - harte Gewaltfilme, die man zum Teil schon in die Kategorie Brutalos einreihen muß.
Wohl aufgrund der momentanen Langeweile hat mich das an jenem Morgen richtig gepackt, und ich widmete mich ganz einem dieser Filme.
Da waren die 'Guten', und da waren die 'Bösen' - man ist natürlich mit den 'Guten' und merkt gar nicht, dass auch die gewalttätig und brutal sind.
Als der Film zu Ende war, hockte ich vor Erregung ganz ausgepumpt vor den noch laufenden Fernsehgeräten. Mein ganzer Schwung war weg. Bilder, wie man in Kürze 20 Autos zu Totalschrott fährt und wie man mit einer Kettenkreissäge bestimmt nicht umgeht, hingen wirr in meinem Kopf... Ich fühlte mich innerlich hohl und leer.
Der Tag war irgendwie gelaufen, und zwar schlecht. Wenn Kunden kamen, bediente ich sie lustlos. Sie waren mir fast gleichgültig. Es waren eigentlich nur unwillkommene Unterbrechun-gen der TV-Sendungen, die ich immer weiter in mich hineinzog.
Abends zog ich dann Bilanz mit mir selber. Ich mußte eingestehen, dass ich diesen Tag völlig verpaßt hatte. Und das Schlimme war, ich merkte, dass mich bestimmte Bilder nicht mehr losließen, obwohl ich eigentlich wußte, dass das, was ich gesehen hatte, nicht wirklich passiert war. Trotzdem waren gewissen Eindrücke geblieben. Und ich sagte mir: "Das ist überhaupt nicht das, was ich will! Mein Leben will ich einfach nicht mit solchen Bildern im Kopf gestalten. Es reicht mir, was ich an solchen Szenen auf der Straße und in der Tagesschau mitbekomme."
Am anderen Morgen bin ich in mein Geschäft gegangen, habe wie immer die Fernsehgeräte eingeschaltet - aber jeden auf ein Testbild! Und dann habe ich versucht, den Tag für die Menschen zu leben, die zu mir kamen. Ich habe jeden, der in den Laden trat, mit einem freundlichen "Guten Morgen" begrüßt und versucht, den Menschen wirklich zu begegnen.
Nach ein paar Tagen merkte ich, dass ich abends jedes Mal etwa so müde war wie damals, als ich den ganzen Tag passiv Filme anschaute - nur mit dem Unterschied, dass jeder Tag mir unglaublich viel gebracht hatte. Es kostete genausoviel Anstrengung, aber am Abend merkte ich, dass sich der Tag gelohnt hatte. P.M."




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