Meine schlimmsten Befürchtungen schienen bestätigt
Hier eine Begebenheit, die uns eine Teilnehmerin aus unserem Monatskreis berichtete:
"Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass mein Deutsch schon besser sei. Vor einigen Monaten - ich war gerade nach Deutschland gekommen - musste ich mangels Sprachkenntnissen immer schweigen, wenn mein Deutschlehrer an der Universität wieder einmal über die Christen und die Bibel herzog. Von den unmöglichsten Themen aus gelang es ihm immer wieder, so eine Brücke zum Thema Christentum zu schlagen.Nach ein paar Monaten hatte ich es dann doch einmal gewagt, ihm zu widersprechen, doch mit wenigen Sätzen brachte er mich zum Schweigen.
Am Ende des Kursus stand eine Hausarbeit. Das Thema konnten wir selbst bestimmen. "Ich möchte gerne darüber schreiben, was ich mit den anderen Studentinnen und Studenten des Kursus erlebt habe", sagte ich. Diese kamen aus allen Teilen der Welt: Ungarn, Schweden, den USA, Brasilien, mehreren Ländern Afrikas und aus Japan.
Die Antwort des Lehrers war nicht gerade ermutigend: "Wenn Sie meinen, etwas Neues dazu zu sagen zu haben, dann machen Sie nur." Sie verstärkte sogar meine Befürchtung, dass die Benotung negativ ausfallen würde, wenn ihm der Inhalt nicht gefiele. Einige Tage spielte ich mit dem Gedanken, ein unverfänglicheres Thema zu wählen. Schließlich zählte für mein weiterers Studium zu Hause nur die Note. Ich blieb dennoch bei meinem Thema, denn es schien mir, dass ich dazu wirklich etwas zu sagen hatte. Ich war nicht nur davon überzeugt, dass alle Menschen Geschwister sind, sondern ich hatte es auch erlebt.
Als wir die Arbeit zurückbekamen, legte der Lehrer sie mir wortlos auf den Tisch. Seine Miene schien meine schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Umso überraschter war ich, als ich die Bewertung las: Es war eine glatte Eins! In Klammern hatte der Lehrer dahinter geschrieben: in Form und Inhalt.
Er bat mich sogar, meinen Text dem Kurs vorzutragen. Hin und wieder unterbrach er mich, weil er manches genauer wissen wollte. Als ich die Stelle vorlas: "Die Zeit in Deutschland ermöglicht mir, das zu erfahren, woran ich vorher bereits glaubte: Jedes Volk, jede Kultur und jede Person verfügt über einen unendlichen Reichtum, der - wenn er mitgeteilt wird - allen anderen zugute kommen kann", unterbrach er mich erneut: "Warum denken Sie so und teilen nicht die Vorurteile vieler anderer?"
Jetzt - so spürte ich deutlich - musste ich Farbe bekennen. In meinem Text hatte ich mich auf die konkreten Erlebnisse beschränkt, jetzt musste ich über die Motive meiner Haltung und meines Engagements sprechen. "Was ich geschrieben habe, ist nichts anderes als eine Konsequenz meines Glaubens. Ich bin Christin und daher überzeugt, dass jeder Mensch soviel wert ist wie ich selbst."
Nach einem Augenblick des Schweigens fragte der Lehrer: "Sind Sie Katholikin?" "Ja", antwortete ich, ohne zu ahnen, warum er dies wissen wollte. "Ich habe immer gedacht, dass die Katholiken intolerant seien", sagte er. Und diesmal war aus seinen Worten jede Ironie verschwunden." C.I.




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